Mit geschlossenen Augen stehe ich vor meinem Altar und nehme ein paar bewusste Atemzüge. Innerlich bereite ich mich auf die Ungewissheit vor. Ich beobachte einzelne Gedanken und lasse sie vorbei ziehen. Mit dem nächsten Atemzug erlaube ich mir, mich tief in mein Herz hinein zu entspannen. Aus der liebe meines Herzens verbinde ich mich mit meinen Lehrern und öffne die Augen. Ich geh in Verbeugung und ergebe mich dessen, was geschehen möchte. Mit dem Impuls wieder aufzustehen nehme ich mir ein Feuerzeug und zünde jede Kerze meines Altars an und verbinde mich in Dankbarkeit, mit den sich dort aufhaltenden Gottheiten.
Noch ein paar Momente schaue ich sie an. Dann nehme ich meine Meditationshaltung ein, gehe innerlich mit meiner Aufmerksamkeit nach oben und spüre die Krone meines Kopfes. Es dreht sich leicht und ich spüre ein Kribbeln dort. Währenddessen falten sich meine Hände in der Höhe des Brustkorbes. Ich spüre, wie der Brustkorb sich hebt und wieder senkt. Im hals fängt es an zu jucken und in mir kommt der Impuls auf, für die große Mutter zu singen. Ich spüre die Vibration meiner Stimmbänder und lausche meiner Stimme, wie es ein Mantra rezitiert.

„Om kreem kali kaye namah“

Die Energie des Rezitierens hallt zuerst mehrere Male aus dem Halse. Der Hals kratzt leicht, der klang ist hoch und begleitet von jemanden, der gut und schön singen will. Unbeirrt mache ich weiter und spüre langsam, wie ich tiefer in den Körper sinke. Die Vibration meiner Stimme entspringt nunmehr dem Herzen, die Grenzen zwischen dem der singt und des Geschehenlassens verschwimmen in der Vibration. Ein warmes lebendiges Gefühl breitet sich im Herzraum aus. Minuten Später des Rezitierens in Hingabe zur großen Mutter, öffnet sich der Bauch. Aus dem Bauch wiederholt sich wieder das Mantra, es wird kraftvoller, tiefer und die Schwingung durchzieht den ganzen Körper. Die Stimme scheint tief und verbunden, ich lausche und lasse weiterhin geschehen.

Die Energie im Raum verdichtet sich. Der, der einmal angefangen hat zu singen, verschmilzt mit dem klängen. Ab und zu kommt er wieder und will noch hingebungsvoller singen, bis er wieder verschwindet und es einfach nur noch geschieht.

An manchen stellen zuckt es. Irgendwo bebt es. Hitzewellen, die mich durchströmen, werden von kalten Schauern begleitet. Überall fließt Energie. Die Wirbelsäule ist aufrecht und scheint von innen zu leuchten. Wie von selbst fängt der Körper an, sich sanft zu bewegen. Erst ganz sanft vor und zurück.

Währenddessen beobachte ich die Idee, ob ich das bin, doch es ist klar, das ist sie. Die Bewegungen werden größer und der Oberkörper fängt an, sich zu kreisen, in einem immer größer werdenden Radius. Das Mantra dringt weiterhin durch mich hindurch, doch niemand der es singt.

In längerem Gewahrsein, dessen, was geschieht, kehrt das Ich zurück. Es versucht zu greifen, es versucht festzuhalten. Es fokussiert den Atem. Ich atme ein. Ich atme aus. Da ist ein Gefühl … Ich muss ins Gefühl gehen. Ich fühle. Ich atme, ich nehme wahr. Geschichten bilden sich.

Wieder im Gewahrsein angekommen, wird mir bewusst, wie eine gewaltige Energie aus dem Becken heraus aufsteigen möchte. Voll aufgehend im rezitieren erlaube ich mir, geschehen zu lassen. Der Körper vibriert es Blitzt und funkt. Energie ballert nur so durch mich durch, ich lass mich drauf ein und spüre ein Kribbeln auf der Haut.

Es wird still.

Schwärze überkommt mich. Schübe des Hasses und der Wut wollen Besitz über mich ergreifen. Ein tiefer Impuls fängt leise an sich zu melden. Nein. Nein. Nein. Widerstand.
Er wird Stärker, so stark, bis ich ihn nicht mehr halten kann. Ich springe auf mein Bett, das Gesicht drückt sich in mein Kissen und es schreit aus mir heraus. Es schreit und schreit und schreit. Der Körper windet sich, die Arme fliegen umher, doch die Matratze fängt mich auf. Der Atem unkontrollierbar, ganz stark, laut und schnell tief aus dem Bauch heraus. Irgendwann wird er sanft.

Ich lasse geschehen und fühle mich vollkommen unkontrolliert und fremdgesteuert. Ein Ringen mit Dämonen und es schreit nur so aus mir heraus. Zwischendurch huste und spucke ich, sabber springt mir aus dem Gesicht. Ich fühl mich vollkommen von Ekstase durchdrungen. Ich weis weder, ob ich weine oder lache. Immer wieder beobachte ich, wie ich auf die Matratze einschlage. Mich zusammen rolle oder ruckartig bewege. Nach einiger Zeit in diesem Sein beruhigt sich etwas. Schweißperlen fließen ab.

Ich sehe zu, wie der Körper sich aufrichtet und komische Bewegungen macht. Meine Zunge hängt raus und ich atme wie eine Schlange und scheine mich auch so zu bewegen. Ich fühle mich vollkommen durchdrungen von einer Macht in einem Raum der Grenzenlosigkeit. Machtvoll, klar und weit blicke ich durch mein Zimmer und laufe umher, spüre einen lebendigen Körper in lebendigen Raum.

Nach ca. 20 Minuten in dieser Hingabe, dessen was auch immer, komme ich wieder zu mir. Der Körper fühlt sich leicht an. Die kehle trocken und ich hab das Gefühl heiser zu sein. Ich fühl mich tief gereinigt und befreit. Gedanken kommen auf, die dies verstehen wollen, sich erklären wollen und irgendwo hineinpacken wollen. Glückseligkeit lässt den aufkommenden Schock im keim ersticken. Im liegen lass ich etwas zeit verstreichen, stehe wieder auf und setze mich vor den Altar und mein Blick richtet sich auf Mutter Kali. Während ich mich innerlich verbeuge und ihr meine tiefe Dankbarkeit darbiete, fange ich an zu weinen und spüre, wie ihre tiefe unergründliche Liebe mich durchdringt.
….

1 Kommentar

  1. Thomas Tolske

    Wundervoll, das Ritual ist sehr poetisch geschildert, hat mich berührt!
    Ich bin über den Schamanismus zum Advaita gekommen; von daher kann ich Dein Erlebnis sehr gut nachempfinden. Du hast es sehr schön von innen her beschrieben.
    Danke schön!

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Telegram Newsletter

Podcast

RSS Podcast

  • Selbsterforschung-Meditation BodyScan
    Wenn du mit der Selbsterforschung beginnen möchtest, kannst du mit dieser Meditation starten. Sie hilft dir deinen Körper zu ergründen und eine gesunde Beziehung zu ihm aufzubauen. Du kannst sie täglich ausüben und sie als Grundlage für deine Forschungspraxis nehmen.  Viel Freude damit.
Share This